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Christine
Lendt
freie
Journalistin
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Eine
stille blaue
Welt
Artikel
für Ibicasa
Es ist Sommer, Ibizas Strände glühen vor Hitze und Leben.
Menschen aalen
sich im gleißenden Licht, die Luft vibriert mit
den Beats der Strandbars....
Doch nur wenige Meter entfernt befindet
sich eine Welt, die ganz still ist und kühl und blau. Sie beginnt
dort,
wo die Wellen an den Strand rollen. Ein Atemgerät
gewährt Einlass.
Wer sich vor dem Salinas-Strand in die Tiefe gleiten lässt,
schwebt über weite Wiesen. Das Neptungras, auch Posidonia genannt,
wiegt sich sanft in der Brandung. Ein wahrer Unterwassergarten, der
Tausende von Arten beherbergt: Farbige Nacktschnecken, Schwämme,
Steckmuscheln, Seepferdchen, Moostierchen, Seescheiden entdeckt man
beim genauen Hinsehen. Kleine Kraken verstecken sich hier bis zur
Dämmerung, und über den grünen Gräsern glitzern
Fischschwärme
in den Lichtsäulen der Sonne.
Willkommen in
Octopussy’s Garden.
Die Felsküsten
Ibizas, karg
und trocken über Wasser, füllen sich in der Tiefe
mit Leben.
Ganze
Steilwände sind
üppig bewachsen mit Lederschwämmen, Anemonen, bunten Flechten
und Algen, bilden Kunstwerke, die sich mit
der Zeit verändern.
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In
Nischen und Löchern wohnen Muränen, Seeaale, Zackenbarsche
und Langusten. Meer und Gestein haben Landschaften geschaffen, man
taucht durch
Höhlen, Kamine, Canyons und Torbögen.
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Zum Beispiel bei Es Vedra, dem „magischen Felsen“, der seine
schönsten
Schätze in der Tiefe versteckt: Große Gorgonienfächer
stehen dort auf dem Stein und leuchten knallrot im Schein der
Tauchlampen.
Oder an der Küste
Formenteras, die riesige
Öffnungen unter
der Wasserlinie verbirgt: Sie führen in Grotten mit golden
schimmernden Wänden, in denen aufgetaucht werden kann.
Kaum etwas vereint
Vergänglichkeit und Neubeginn anschaulicher als ein Wrack: Das
Versunkene wird zur neuen Heimat für Tiere und Pflanzen des
Meeres. Meist handelt es sich um Schiffe, Ibiza aber
bietet Tauchern
etwas Besonderes. Es liegt mitten im Blau vor der Insel S’
Espardell. Kein Seezeichen weist auf den Ort
hin, und die
Wasseroberfläche
verrät ihn nur selten: Bei ganz ruhiger See zeigen sich
schemenhafte Strukturen in der Tiefe, lange dunkle Schatten.
Es ist
eine Kante der „Plataforma Mariana“, einer ausgedienten
Fischzuchtstation, die früher an der Oberfläche schwamm und
nun auf dem Meeresgrund ruht. Ein Wrack von ungewöhnlichen
Ausmaßen, das eine bizarre Atmosphäre schafft: Die riesige
Betonstruktur erhebt sich schräg von 32 bis auf 12 Meter Tiefe,
Säulen und Trümmerreste ragen in das Halbdunkel. Unter
der
Plattform zieht ein großer Barrakuda- schwarm seine Kreise, am
Konstrukt selbst haben sich zahlreiche Seetiere angesiedelt. Es ist ein
Platz, der immer wieder neu verzaubert.

Atmen unter
Wasser
Wer die stille blaue Welt besuchen möchte, beginnt mit
einem
Probetauchen. Eine kleine Einweisung, dann geht es hinab, mit einem
Profi an der Seite. Wir brechen auf zu einer Reise durch das klare
Türkis, über leuchtenden
Sandgrund bis hin zum
Unterwassergarten. Er liegt nur wenige Meter tief.
Ganz nah sind die
Strandgäste, die Hitze, die wummernden Beats. Und doch sehr weit
weg, solange wir durch die Stille gleiten.
Die ersten Atemzüge unter
Wasser, schweben wie ein Astronaut, so etwas
vergisst man nicht. Manch einer besucht einen Kurs, um
selbstständig
Tauchen zu können – und auch ein wenig tiefer. Es ist wichtig zu
wissen, wie man sich in dieser anderen Welt bewegt. Man erfährt
von dem
Druck in der Tiefe, vom Schweben, von fremden Lebewesen. Und was zu tun
ist, wenn Wasser in der Maske steht, wenn der Atemregler aus dem Mund
fällt, wenn die Luft ausgehen sollte. Hat man im Flachwasser
geübt, beginnt das eigentliche
Abenteuer: Es geht mit dem Boot die
Felsküsten
entlang, bis nach Es Vedra oder Formentera. Ein krönender
Abschluss des
Kurses. Danach stehen
einem die Meere, Seen und Flüsse vieler Länder offen.
Wer dann auf seiner Decke
sitzt und auf die See schaut, dorthin, wo die
Wellen an den Strand rollen,
der denkt vielleicht: Die Welt hört
hier
nicht auf. Sie geht noch viel, viel weiter.
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28. Mai
2007
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