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Christine
Lendt
freie
Journalistin
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Meeresschildkröten
– die Nomaden der Meere
Artikel
für Ibiza
Heute
Eine
faszinierende
Begegnung vor Formenteras Felsküste
Es gibt sie schon seit 150 Millionen Jahren, und man kann sie sogar vor
Formentera treffen: Meeresschildkröten. Christine Lendt hat sich
für IbizaHEUTE
auf die Suche nach den Urzeit-Tieren gemacht – als
Gast auf dem Boot des Meeresbiologen Manu San Félix. Am Cap de
Barbaria wurde sie fündig. Und hat Erstaunliches erfahren.
Dunkelblau und mystisch leuchtet das Mittelmeer im Süden Ibizas,
dort, wo das Wasser bis zu hundert Meter tief ist. Vom Boot aus
betrachtet, wirkt die Oberfläche undurchschaubar, wie ein Mantel
des Schweigens, der über den Geheimnissen der See liegt. Wir sind
auf dem Weg nach Formentera und begleiten einen Mann, der Einblicke
gewonnen hat in diese stille Welt. Er ist Meeresbiologe und
Unterwasserfotograf, heißt Manu San Félix und möchte
uns die „Nomaden der
Meere“ zeigen. Der Kapitän nimmt Kurs auf die
erhabene Steilküste des
Cap de Barbaria.
Plötzlich
zeichnet
sich eine dunkle Kontur im Wasser ab, ein glattes
Oval von
einem halben Meter Länge. „Mira, mira, una tortuga!” –
die
Rufe der Crew
bestätigen, was wir kaum zu hoffen wagten: eine
Schildkröte. Jetzt heißt
es, schnell und besonnen zugleich
reagieren.
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Das Boot dreht bei,
Taucherbrillen
werden herumgereicht. Manu
lässt
sich lautlos ins tiefblaue Wasser gleiten. Wir folgen unauffällig
und
mit gebührendem Abstand. Der Anblick ist nahezu heilig.
Nur wenige Meter entfernt schwebt eine
junge Karettschildkröte in der Frühlingssonne, direkt unter
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der
Wasseroberfläche, die Augen geschlossen. „Sie schläft“, macht
Manu mit
ein paar Handzeichen deutlich, und so genießen wir den Moment
noch für
kostbare Minuten, während der Biologe das Tier fotografiert.
Einen Augenblick lang
bleibt die Zeit stehen. Wir treiben regungslos,
die Gesichter abgetaucht, atmen
leise durch die
Schnorchel. Das Reptil
bemerkt seine Beobachter trotzdem. Es blinzelt einmal in die Kamera und
paddelt gemächlich, aber zielstrebig, davon.
Wieder an Bord, steuert unser Boot eine kleine Bucht an. Die Brandung
gurgelt in den Felsen, einige Silbermöwen ziehen kreischend ihre
Runden. Wir packen Bocadillos und Kaffee aus und möchten alles
über
Meeresschildkröten wissen.
Manu erzählt, dass im westlichen Mittelmeer ausschließlich
die „Unechte
Karettschildkröte“ verbreitet ist. Der Bestand wird auf mehrere
Zehntausend geschätzt – noch.
Genaueres lässt sich schwer sagen, denn die Tiere führen ein
seltsames
Nomadenleben: Kaum aus den Eiern geschlüpft, sind die kleinen
Tortugas
sich selbst überlassen und laufen instinktiv dem Meer entgegen.
Dann
verschwinden sie in den blauen Tiefen und werden kaum noch gesehen.
Im Laufe der Jahre verwandeln sich die Schildkröten in wahre
Navigationsspezialisten. Mit den Strömungen reisen sie durch die
Ozeane, sind oft Tausende von Kilometern unterwegs. Dabei passiert
etwas, das nicht einmal Wissenschaftler zu erklären vermögen:
Sobald
sie die Geschlechtsreife erreichen, kehren die Tiere punktgenau an die
Strände zurück, an denen sie selbst Jahre zuvor geboren
wurden – egal,
wie weit sie entfernt liegen – auch wenn es Tausende von Kilometern
sind.
Noch weiß man nicht genau, wie sich die Meeresschildkröten
auf so
phänomenale Weise zurechtfinden können. Es wird vermutet,
dass sie
neben den Strömungen auch das Magnetfeld der Erde zur Orientierung
nutzen. Auch der Winkel des einfallendes Lichtes könnte eine Rolle
spielen. Um genauere Erkenntnisse zu bekommen, laufen schon seit
geraumer Zeit Markierungsprogramme, bei denen ausgewählte
Exemplare
über Peilsender beobachtet werden. Auch Manu hat – zusammen mit
Kollegen der Universität Barcelona – ein paar Tiere mit speziellen
Sendern ausgestattet, um ihre Wanderungen per Satellit zu verfolgen.
Ein Jahr lang werden Informationen über die exakte Position der
Schildkröten und die Zeit, in der sie abgetaucht bleiben,
ausgewertet.
Wir erfahren auch, dass es gar kein so großer Zufall war, vor
Formentera auf eine Schildkröte zu treffen „Gerade jetzt kann man
die
hier oft sehen, als ob sie sich verabreden würden“, brummt Manu in
den
Wind, der inzwischen spürbar aufgefrischt hat. Der Grund? Die
Panzertiere haben eine Spezies zum Fressen gern, die Menschen eher
nicht im Wasser antreffen möchten: Quallen. Und die tummeln sich
jetzt
(leider für die Schwimmer) scharenweise am Cap de Barbaria und
überall
rund um Ibiza und Formentera. Auch das angenehme Klima hat es den
Schildkröten angetan, ist doch die Wassertemperatur um die
Pityusen
gemäßigter als in manch anderen Regionen des Mittelmeeres.
Bei ihren Exkursionen haben Manu San Félix und sein Team eine
interessante Beobachtung gemacht: Vor Formentera schwimmen
ausschließlich Schildkrötenkinder. Der Bestand an
älteren – und damit
fortpflanzungsfähigen – Tieren ist gleich Null. „Da mussten wir
uns
unweigerlich fragen“, sagt der Biologe, „woher denn die ganzen
Schildkröten kommen, die in den hiesigen Gewässern treiben“.
Zumal es
im westlichen Mittelmeer weit und breit keinen Strand gibt, an dem die
Tortugas Eier legen. Es gab nur zwei Möglichkeiten, woher die
Tiere
stammen konnten: von den Brutstätten im östlichen Mittelmeer,
zum
Beispiel in Griechenland, oder von den weit entfernten Kolonien vor
Amerika.
Die Lösung für das komplette Rätsel der
Schildkrötenwanderungen
lieferte die Genetik. Weil die Weibchen stets an die Strände zum
Laichen zurück kehren, wo sie einst selbst aus den Eiern
schlüpften,
besitzt jede Population einen genetischen Code, der sie eindeutig von
anderen Kolonien unterscheidet. Deswegen hat der Meeresforscher
zusammen mit der Organisation „Amics de la Terra“ rund 100 Blutproben
von den Tieren gesammelt, die sie am Cap de Barbaria antrafen. Das
verblüffende Ergebnis: Formenteras Schildkröten sind fast
komplett über
„den großen Teich“ geschwommen – sie stammen zu 80 Prozent aus
den
amerikanischen Brutstätten, die sich beispielsweise an den
Stränden
Floridas befinden. Der Golfstrom dient ihnen sozusagen als
Reiseexpress.
Die Begegnung mit der kleinen Schildkröte hat bleibende
Eindrücke
hinterlassen. Mit versonnenem Blick genießen alle die
Rückfahrt durch
die Abenddämmerung. „Das war wirklich eine schöne Tour“,
stimmt Manu
zu, „nur leider finden wir die Tortugas auch oft in ganz anderen
Zuständen vor“. Mit dunkler Miene berichtet er von verendenden
Tieren,
denen dicke Angelhaken in den Schlündern stecken. Der Feind hat
einen
Namen: Schleppleinen-Fischerei. Bei dieser umstrittenen Methode gehen
jedes Jahr Tausende von Schildkröten zugrunde. Sie verschlucken
die
Köder, die eigentlich Thun- und Schwertfischen gelten. Als
unerwünschter „Beifang“ werden sie mit der Angelsehne
abgeschnitten und
wieder in das Meer geworfen. Allein durch die Fischerei sterben so bis
zu 25.000 Karettschildkröten pro Jahr. Viele verenden auch, weil
sie
Plastiktüten oder -Teile verschlucken, die unter Wasser wie
Quallen
aussehen.
Deshalb hat Manu San Félix sich seit Jahren der Forschung und
dem
Schutz der Tiere verschrieben. Regelmäßig sammelt er mit
seinem Team
vor Formentera verletzte Exemplare ein. Um auch gleich aktiv helfen zu
können, hat Manu eine Institution errichtet, die ihresgleichen
sucht:
das Rehabilitations- zentrum für Meeresschildkröten
„Vellmari”.
Dort
werden die Tiere gesund gepflegt, damit sie später wieder
zurück in
ihren Lebensraum gebracht werden können. Eine mühevolle
Aufgabe, aber
sie ist es wert. Schließlich bevölkern die Schildkröten
unseren
Planeten schon seit rund 150 Millionen Jahren. Jedes gerettete Tier
vertritt eine Spezies, die Dinosaurier gesehen und Eiszeiten
überlebt
hat, die Würde und Weisheit verkörpert wie kaum eine andere
Art.
Als unser Boot das Eiland S’Espalmador passiert, tanzen die Strahlen
der untergehenden Sonne auf den Wellen. Sie verlieren sich in der
blauen Tiefe, einer anderen Welt, die ihren Vorhang heute ganz kurz
für
uns geöffnet hat.
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Die Reportage ist auf der Website - Ibiza Heute
und im Magazin - April 2007 veröffentlicht worden.
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