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Christine
Lendt
freie
Journalistin
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Spaziergang
durch
die Jahrhunderte
Artikel
für Ibicasa
Dalt Vila gleicht einem
überdimensionalen Kunstwerk. Wie
dahingewürfelt türmen sich die Bauten der historischen
Oberstadt von Eivissa aufeinander, die weißgekalkten Häuser
mit ihren Treppchen, Nischen, Fenster- und Türläden in allen
Farben, Balkonen, Gittern, Fresken und Ornamenten.
Aber es ist weit
mehr als diese märchenhafte Schönheit, die einen ganz
ehrfürchtig werden lässt beim Gang durch die schmalen, alten
Gassen.
Der eigentliche
Zauber Dalt
Vilas
ist nicht mit dem Auge zu erfassen:
Da liegt
etwas in der Luft, das unsichtbar ist und doch
allgegenwärtig: Es ist die
einzigartige Atmosphäre einer
Stadt, die Weltgeschichte geschrieben hat.
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Ihr Fundament
existiert
bereits
seit 2 700 Jahren: Im 7. Jahrhundert
vor Christus gründeten die
Phönizier hier eine erste Kolonie. Es folgten die Römer, die
Araber und schließlich die spanische
Monarchie des Mittelalters.
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Sie alle nutzten die
exponierte Lage Dalt Vilas als Festung. Aufgrund
des kulturellen Reichtums, den die verschiedenen Epochen der
Oberstadt verliehen haben, wurde sie im Jahr 1999 zum Weltkulturerbe
der Unesco ernannt. Jede Ära hat hier ihre Spuren hinterlassen,
sie verstecken sich in zahlreichen Details.
Als wir die Festung über die
schwere Zugbrücke betreten, grüßt schon das alte Rom –
in Form zweier
kopfloser Statuen. Es sind Kopien, die Originale
befinden sich im Archäologischen
Museum von Dalt
Vila.
Die Inschrift über dem Tor
entstand rund
1500 Jahre später,
sie verkündet: Philipo Rege Haec
Construebantur („dies wurde König Philipp erbaut“). Gemeint ist
der spanische Thronfolger
Philipp II,
der von 1527 bis 1598 lebte und die heutige Festungsanlage errichten
ließ.
Das mächtige Eingangsportal Ses Taules führt durch ein
Flurgewölbe direkt in den Waffenhof, wo sich einst die Truppen und
Offiziere aufhielten. In den dicken Mauern hört man noch
förmlich die Rüstungen klappern ...
Wir verlassen das düstere Gemäuer auf der anderen Seite
wieder und stehen auf der Plaça de la Vila, mitten im bunten
Touristenleben der Neuzeit.
Doch man braucht sich nur einmal umdrehen, um gleich wieder in die
Vergangenheit versetzt zu
werden: An der platzseitigen Torfront des Waffenhofes
verbirgt sich die
Skulptur eines römischen Heerführers. Wir
spazieren rechts an ihr vorbei, folgen dem Kopfsteinpflaster
hinauf zur Plaça dels Desamparats. Dort treffen wir, im Schatten
eines alten Eukalyptusbaumes, auf die Bronzeskulptur des Historikers
Isidor Macabich (1883 – 1973), der die große „Historia de Ibiza“
verfasst hat.
Unser Weg führt weiter hinauf und etwas nach links, zum Baluard de
Santa Llúcia, einem der insgesamt sieben Bollwerke der
Festungsstadt. Hier wurde das Mittelalter besonders eindrucksvoll
rekonstruiert: Kanonen stehen in den Schießscharten, als warteten
sie noch immer darauf, befeuert zu werden.
Den Baluard im Rücken, erblicken wir die große Kathedrale
Dalt Vilas, die aus den Dächern der Altstadt ragt.
Unpassenderweise ist sie der Señora de las Nieves gewidmet, der
„Jungfrau vom Schnee“.
Doch das liegt einfach daran, dass die Eroberung
der Insel durch die christlichen Katalanen gerade auf diesen Gedenktag
im Kirchenkalender fiel.
Wir folgen dem Lauf der ansteigenden
Gassen, um die Kathedrale aus der Nähe zu betrachten. Wo sich das
Gotteshaus
erhebt, sollen im Lauf der Jahrhunderte bereits ein römischer
Tempel, eine frühchristliche Basilika und eine maurische Moschee
gestanden haben. Im archäologischen Museum neben der Kathedrale
ist diese epochale Vielfalt zum Greifen nah: Exponate aus der
phönizischen, punischen und römischen Vergangenheit Ibizas
laden zu einer Zeitreise ein.
Hinter der Kathedrale
führt uns ein Gässchen auf die andere
Seite Dalt Vilas, jenen Teil, der noch mehr Mittelalter zeigt als die
Vorderstadt mit ihren
Wohnhäusern und Boutiquen. Steil fallen die Felsen ins Meer hinab,
potenzielle Angreifer
hatten hier keine Chance.
Wir biegen wieder nach rechts ab.
Nach wenigen Metern öffnet sich ein dunkles Tor in der
Festungsmauer – der Eingang zum Tunnel Es Soto Fosc. „Das dunkle
Wäldchen“ (so die wörtliche Übersetzung) ist ein alter
Fluchtweg, durch den die Belagerten früher aus der Burg zur
Steilküste gelangen konnten. Wo durch Eisengitter Licht in den
Gang fällt, haben die Verteidiger damals Steine
und brennendes
Pech auf eindringende Feinde geschüttet. Mit einem leichten
Schaudern folgen wir dem Weg durch das kalte Gemäuer nach unten.
Am Ende empfängt uns wärmendes Sonnenlicht, ein neuzeitlicher
Parkplatz, das Hier und Jetzt. Über uns thront Dalt Vila,
felsenfest und zeitlos schön. |
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Erschienen in der
Zeitschrift Ibicasa
am
8.11.2006
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